27/11/2008

Kommt ein Flieger geflogen ...

Autor: BASTIAN SICK

In einem Café in Buenos Aires verabschiedet sich ein junger Mann aus Deutschland von seiner argentinischen Verwandtschaft. "Mein Flieger geht um 17 Uhr", sagt er, woraufhin seine Tante missbilligend erwidert: "Flieger? Du meinst Flugzeug!" Der junge Mann zuckt nur mit den Schultern und sagt lachend: "Von mir aus auch das, Tante Paula. Flieger oder Flugzeug, das ist doch dasselbe!" Da ist Tante Paula aber ganz anderer Meinung: "Ein Flieger ist ein Mensch, der ein Flugzeug fliegt", erklärt sie mit Bestimmtheit, "also ein Pilot. So wie ein Fahrer jemand ist, der ein Fahrzeug fährt, und nicht das Fahrzeug selbst. Ein BMW ist kein Fahrer, und eine Boeing ist kein Flieger." - "Vielleicht war das früher mal so", sagt der Neffe, "aber manche Wörter ändern ihre Bedeutung. Bei uns in Deutschland wird das Wort Flieger heute auch im Sinne von Flugzeug gebraucht." Tante Paula stößt einen Seufzer aus: "Armes Deutschland!"

Ganz so schlimm steht es zum Glück nicht um unsere Kultur. Dass Wörter im Laufe der Zeit ihre Bedeutung ändern oder eine zweite Bedeutung hinzugewinnen können, ist nichts Ungewöhnliches. Die Begründung, mit der Tante Paula die Verwendung des Wortes "Flieger" im Sinne von "Flugzeug" abqualifiziert, ist ohnehin recht löchrig. Denn durch Anhängen der Endung "-er" lassen sich aus Verbstämmen nicht allein Menschen erzeugen, sondern auch praktische Dinge wie Einrichtungsgegenstände oder Maschinen. Zweifellos ist ein Leser jemand, der liest, und ein Zuhörer jemand, der zuhört - aber ein Rechner ist nicht etwa ein Mensch, der rechnet, sondern die Maschine, die dem Menschen das Rechnen (und zunehmend auch das Nachdenken) abnimmt.

Bisweilen bezeichnet die Ableitung auf "-er" auch nur jemanden, der in gewisser Weise qualifiziert ist: Nicht jeder, der denkt, ist gleich ein Denker. Und nicht jeder, der sprechen kann, ist ein Sprecher. Es ist auch nicht jeder, der trinkt, gleich ein Trinker. Und wer sich auf einen Stuhl setzt, ist noch lange kein Setzer.

Während meines Militärdienstes bei der Luftwaffe wurde ich zum "Fernschreiber" ausgebildet. Ich weiß noch, wie wir jungen Rekruten uns darüber amüsierten. Denn ein Fernschreiber war für uns eine Maschine und kein Mensch. Doch man belehrte uns, dass die Maschinen "Fernschreibgeräte" seien und wir die Fernschreiber - sofern wir die Prüfung bestünden. Andernfalls würden wir nur Kabelträger. Auch über diesen sprachlichen Zweifelsfall ist die Geschichte hinweggegangen: Die Fernschreibgeräte von damals stehen längst im Technikmuseum.

Ein weiteres Beispiel für den Bedeutungswandel ist der Drucker. Bis in die achtziger Jahre verstand man darunter ausschließlich einen Menschen, der in einer Druckerei arbeitet und eine Druckmaschine bedient. Heute denkt man bei dem Wort "Drucker" als Erstes an ein Gerät, das im günstigen Fall Papier bedruckt und uns ansonsten ständig auffordert, sündhaft teure Tintenpatronen nachzukaufen.

Im Süden Brasiliens lebt eine kleine deutschsprachige Gemeinde, die noch heute einen Dialekt pflegt, wie er zum Zeitpunkt der Auswanderung im 19. Jahrhundert gesprochen wurde. Dieses sogenannte Hunsrück-Deutsch ist für andere Deutschsprechende kaum zu verstehen. Fern der Heimat waren die Hunsrück-Deutschen von der Entwicklung der deutschen Sprache abgeschnitten. So ging die Einführung des Wortes "Matratze" komplett an ihnen vorbei. Noch heute sagen sie "Strohsack". Und auch "Flugzeug" ist für sie ein abgehobener Modernismus, mit dem sie nicht viel anfangen können. Sie sagen stattdessen "Luftschiff". Sollte Tante Paula jemals nach Brasilien reisen und dort auf eine Gruppe von Hunsrück-Deutschen stoßen, würde man sie womöglich verständnislos belächeln, wenn sie etwas von einem "Flugzeug" erzählte. "Das ist doch ein Luftschiff!", würde man ihr sagen, woraufhin Tante Paula energisch erwiderte: "Aber nein, glauben Sie mir, in Deutschland sagt man schon lange Flugzeug dazu!" Und die Hunsrück-Deutschen würden die Köpfe schütteln und murmeln: "Armes Deutschland!"

Neu auf dem Markt: "Happy Aua 2 - Ein Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache" (Kiepenheuer & Witsch). Sicks Zwiebelfisch-Kolumne erscheint auch bei www.spiegel.de.

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